Gianni Infantino wollte die kommerziellen Aktivitäten und die Organisation der FIFA-Wettbewerbe in einer neuen Tochtergesellschaft bündeln. Der Name: FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. Wenige Tage nach der öffentlichen Vorstellung war das Vorhaben wieder vom Tisch. Der Widerstand von Konföderationen und Verbänden war zu groß. Doch die entscheidende Frage bleibt: War FFE nur ein missglücktes Projekt – oder zeigt der Fall ein grundsätzliches Problem in der Führung des Weltfußballs?
Was FIFA Forward Enterprise werden sollte
Am 28. Juli 2026 stellte die FIFA das Konzept offiziell vor. Nach eigener Darstellung sollte FFE die kommerziellen Rechte der FIFA – darunter Übertragung, Sponsoring, Lizenzierung, Ticketing und Hospitality – mit der operativen Durchführung ihrer Turniere verbinden. Die FIFA versprach sich davon zusätzliche Einnahmen und deutlich höhere Entwicklungsgelder für ihre 211 Mitgliedsverbände.
Die Größenordnung war beträchtlich: Statt acht Millionen US-Dollar pro Verband im Zyklus 2023 bis 2026 sollten im Zeitraum 2027 bis 2030 bis zu 20 Millionen Dollar aus dem FIFA-Forward-Programm fließen. Zusätzlich stellte die FIFA einen optionalen Zugang zu weiteren 20 Millionen Dollar in Aussicht. Zugleich betonte Infantino, dass eine Umsetzung nur mit Zustimmung der Mehrheit der Mitgliedsverbände und des FIFA-Councils erfolgen könne. Diese Angaben stammen aus der offiziellen FIFA-Vorstellung des Projekts.
Warum der Plan so schnell scheiterte
Schon am 31. Juli erklärte die FIFA, das Vorhaben werde nicht weiterverfolgt. In ihrer Rückzugsmitteilung begründete sie den Schritt mit den entstandenen Spaltungen. Damit lagen zwischen offensiver Präsentation und Rückzug nur wenige Tage.
Der Konflikt drehte sich nicht allein um die Frage, ob privates Kapital im Fußball grundsätzlich sinnvoll sein kann. Kritiker stellten vor allem den Entscheidungsprozess, die Kontrolle über zentrale Vermögenswerte und die mögliche Vermischung von Regulierung und Geschäft infrage. Wenn dieselbe Organisation Regeln setzt, Kalender festlegt und zugleich den wirtschaftlichen Wert zusätzlicher Wettbewerbe steigern will, entsteht ein struktureller Interessenkonflikt.
UEFA und Ligen verlangen einen Systemwechsel
Die UEFA beließ es nicht bei der Forderung, FFE zu stoppen. Vertreter europäischer Verbände verlangten eine unabhängige externe Prüfung mit Zugang zu den relevanten Unterlagen und Entscheidungswegen. Außerdem stellten sie die Führungsfrage und forderten klare Grenzen für die Macht des Präsidenten. Die FIFA bestätigte der UEFA später schriftlich, dass FFE dauerhaft zurückgezogen sei. Die UEFA-Erklärung zeigt deshalb: Aus einem Streit über ein Geschäftsmodell ist ein Streit über die Verfassung der FIFA geworden.
Am 25. September legten Premier League, Bundesliga, LALIGA und Serie A nach. In ihrer gemeinsamen Erklärung formulierten die vier Ligen drei Kernforderungen: betroffene Verbände, Ligen, Clubs und Spieler sollen echte Mitspracherechte erhalten; große Entscheidungen sollen auf veröffentlichten Daten und unabhängigen Folgenabschätzungen beruhen; und die regulatorische Rolle der FIFA soll institutionell von ihrem kommerziellen Interesse als Veranstalter getrennt werden.
Diese Punkte reichen weit über FFE hinaus. Sie betreffen den internationalen Spielkalender, die Belastung der Profis und die Frage, wie nationale Wettbewerbe geschützt werden. Genau deshalb ist der Konflikt für Bundesliga-Fans relevant: FIFA-Entscheidungen verändern nicht nur Weltmeisterschaften, sondern auch die Wochenenden, an denen Vereinsfußball stattfinden kann.
Welche Rolle spielt Bernd Neuendorf?
Bernd Neuendorf ist seit April 2023 Mitglied des FIFA-Councils. Der DFB-Präsident sitzt damit in jenem Gremium, das zwischen den Kongressen strategische Entscheidungen kontrollieren soll. Nach dem Aus von FFE kritisierte er das Vorgehen Infantinos deutlich. Der Versuch, FIFA-Wettbewerbe für private Investoren zu öffnen, sei gescheitert; Entscheidungen müssten wieder in den zuständigen Gremien diskutiert und getroffen werden, erklärte er am 1. August.
Damit richtet sich der Blick zwangsläufig auch auf Neuendorf selbst. Wer im Council sitzt, kann sich nicht auf die Rolle des externen Kritikers beschränken. Er muss Mehrheiten organisieren, unabhängige Aufarbeitung einfordern und erklären, welche Reformen er konkret unterstützt. Seine Möglichkeiten sind begrenzt, weil das Council international zusammengesetzt ist und der FIFA-Kongress nach dem Prinzip „ein Verband, eine Stimme“ entscheidet. Verantwortung verschwindet dadurch aber nicht.
Personalfrage oder Strukturproblem?
In der öffentlichen Debatte läuft vieles auf Gianni Infantino zu. Das ist nachvollziehbar: Der Präsident prägt die politische Linie, die Kommunikation und die Prioritäten der FIFA. Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, nur nach einem anderen Namen an der Spitze zu suchen. Ein neuer Präsident kann in denselben Strukturen erneut sehr viel Macht bündeln.
Entscheidend sind deshalb überprüfbare Regeln: unabhängige Kontrollorgane, transparente Verfahren, nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen und echte Beteiligung derjenigen, die von neuen Wettbewerben und Kalendern betroffen sind. Außerdem braucht es eine klare Trennung zwischen der FIFA als Regelsetzerin und der FIFA als kommerzieller Veranstalterin. Ohne solche Sicherungen bleibt jeder Reformversuch abhängig vom guten Willen einzelner Personen.
Was aus dem FIFA-Machtkampf folgt
FFE ist zurückgezogen, aber die Interessen hinter dem Projekt bestehen weiter. Die FIFA will ihre Einnahmen steigern und weltweit mehr Entwicklungsgeld verteilen. Die europäischen Verbände und Ligen wollen verhindern, dass zentrale Entscheidungen ohne wirksame Kontrolle getroffen werden. Kleinere Mitgliedsverbände erwarten zu Recht, dass der globale Fußball nicht ausschließlich aus europäischer Perspektive organisiert wird.
Eine tragfähige Reform muss diese Interessen zusammenbringen. Mehr Geld für Fußballentwicklung und stärkere demokratische Kontrolle sind kein Widerspruch. Sie gehören zusammen: Nur wenn Entscheidungen transparent und überprüfbar sind, lässt sich glaubwürdig erklären, wie Einnahmen entstehen, wer Risiken trägt und wie Mittel verteilt werden.
In der aktuellen Spezialfolge von Spieltach rekonstruieren Matze und Leif den Konflikt, diskutieren Neuendorfs Kurswechsel und entwerfen Ideen für eine FIFA, in der Macht nicht dauerhaft bei einer Person zusammenläuft. Die Folge liefert keine einfache Helden-und-Schurken-Geschichte – aber einen verständlichen Einstieg in einen Machtkampf, der den gesamten Fußball betrifft.